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25.09.2017

Positionierung der PKV gegen die Bürgerversicherung

Die Zukunft des dualen Systems bleibt auf der politischen Agenda: SPD, Linke und Grüne wollen eine Bürgerversicherung. GKV und PKV begegnen dem demographischen Wandel mit unterschiedlichen Strategien. Ist es also zielführend, wenn diese beiden Systeme zusammenwachsen? Zugleich forciert die PKV ihre Bemühungen, sich digital besser aufzustellen.


Auf dem Euroforum der PKV ging es genau darum. Thomas Stritzl (CDU), Mitglied im Gesundheitsausschuss, ist strikt gegen eine Fusion: „Wir brauchen die GKV und die PKV. Das Gesamtsystem kann so entlastet werden.“ Schließlich sparen die privaten Versicherer einen Teil der Prämien für das Alter ihrer Versicherten, die andernfalls der GKV auf der Tasche liegen würden. Knapp 220 Milliarden Euro wurden bislang an Alterungsrückstellungen am Finanzmarkt angelegt. Wer die PKV abschaffen wolle, der müsse zunächst erklären, wo die knapp 13 Milliarden herkommen sollen, die durch die Privatversicherten zusätzlich ins System gespült werden, so Stritzl. Davon würden am Ende alle profitieren. Sein Ratschlag: „Wir sind gut beraten, wenn wir uns nicht mit der Axt an der Wurzel zu schaffen machen.“ Er wehrt sich zudem entschieden gegen den Begriff der Zwei-Klassen-Medizin. Am Ende bekäme jeder – der gesetzlich genauso wie der privat Versicherte – eine gute Versorgung

 

Auch Dr. Frank Wild, Institutsleiter des Wissenschaftlichen Instituts der Privaten Krankenversicherung (WIP), hält am dualen Versicherungssystem fest. Die PKV sei nicht weniger als eine Milliardenstütze für das Gesundheitssystem. Die PKV würde das Gesundheitssystem subventionieren. Dieses Argument kontert die Gegenseite damit, dass die GKV die gesamte Infrastruktur bezahle, die eine Behandlung von privat Versicherten erst möglich mache. Dr. Stefan Etgeton, Senior Expert bei der Bertelsmann Stiftung, bleibt pragmatisch und erklärte, dass die Hereinnahme von bislang privat Versicherten mit ihrem durchschnittlich besseren Risiko- und Einkommensprofil in eine integrierte Krankenversicherung nur einen Teil der strukturellen Einnahmelücke schließen könne. Er plädierte bei der Entwicklung der GKV für etwas mehr Gelassenheit. Die Vorzeichen stünden aktuell gar nicht so schlecht: „Die Arbeitsmigration aus der EU sorgt dafür, dass die Zahl der Beitragszahler gestiegen und Altersstruktur in der GKV gesunken ist.”

Kontraproduktiv seien hingegen die ausgabensteigernden Gesetze, die in der nun zu Ende gehenden Legislaturperiode beschlossen wurden. Das lässt Stritzl nicht auf sich sitzen: „Tut die Politik nichts, wird sie dafür abgestraft, wird man aber tätig, dann war es zu viel.“

 

Die private Krankenversicherung der Zukunft ist digital – ein weiteres Hauptthema der Euroforum-Konferenz. Als Vorreiter des digitalen Neustarts in der PKV wird das Health-Start-up „ottonova“ vorgestellt. Mit dieser neuartigen Krankenversicherung sollen Nutzer alles aus digitaler Hand geliefert bekommen. So schreibt sich das Unternehmen auf die Fahne, insbesondere auf die „kluge, junge Generation“ abzuzielen. Geworben wird via Online-Marketing, ebenso erfolgt der Abschluss der Krankenversicherung im Netz. Perspektivisch zielt ottonova darauf ab, dass sich die Versicherung in der Zukunft rechnet – so ist sie trotz ausschließlicher Online-Verfügbarkeit nicht günstiger als die Konkurrenz, aber dafür laut eigenen Angaben im Preisniveau stabil. Der Plattform ist unter anderem ein transparenter Rechner beigefügt, über den die „apokalyptischen Punkte der PKV abgewogen werden – die da wären: Erstens komme nie wieder raus. Zweitens wird es im Alter teuer. Und drittens lohnt es sich mit Kindern sowieso nicht.“ Das erläutert Dr. med. Roman Rittweger als Vorstandsvorsitzender der ottonova Holding AG. In der Resonanz bedeutet dies auch mal eine Empfehlung für die GKV. Rittweger ist sich dennoch sicher: „Die PKV rechnet sich nicht für jeden, aber für mehr als man glaubt.“ Mit dem Start-up wollen die Gründer ein gut automatisiertes Produkt auf den Markt bringen, weniger jedoch auf Masse gehen. Laut Aussage des Vorstandsvorsitzenden ist ottonova „noch in der Ausprobierphase“ und hofft auf die Unterstützung von wirtschaftlichen Partnern, um im Wettbewerb innerhalb der PKV Schritthalten zu können.

 

Dr. Thilo Schumacher, Mitglied des Vorstandes, AXA Krankenversicherung, denkt: „Dass Neues zum Wettbewerb an den Start geht, ist gut für die Branche. Hier passiert keine Revolution, aber zumindest wird über einen neuen Weg nachgedacht.“

 

Der Geschäftsführer von Patientus, Nicolas Schulwitz, der mit seinem Unternehmen die Videosprechstunde zur ortsungebundenen Vernetzung zwischen Arzt und Patient stärken möchte, erläutert die technischen Grundlagen. So dürfen unter anderem die Inhalte bei der Online-Video-Sprechstunde nicht gespeichert werden. Darüber hinaus soll eine Nutzung auch ohne Registrierung möglich sein, sofern ein Termin zur Onlineberatung seitens des Arztes vergeben wurde. Entsprechende Richtlinien sind nun für die GKV aktualisiert worden, was wiederum für die PKV ebenso eine Rolle spielt, um vor allem auch den Datenschutz der Patienten zu gewährleisten. Um die Gruppe etwas einzugrenzen, bewirbt Patientus vorrangig Ärzte zur Nutzung der digitalen Beratungsmöglichkeit. Zahlreiche Vorteile sind nichtsdestotrotz auf beiden Seiten zu verzeichnen: Einerseits werden beispielsweise die Praxen entlastet, die Patientenversorgung verbessert und eine Zeitersparnis erzeugt. Andererseits können Patienten bequem online zum Arzt „gehen“ sowie die Wege in die Praxis und die Zeit im Wartezimmer einsparen.

 

„Ohne digitale Lösungen geht es nicht“, weiß Dr. Thorsten Pilgrim als ehemals praktizierender Kinderarzt und heutiger Geschäftsführer der CareLutions GmbH. Er spricht sich für ein patientenzentriertes Gesundheitsmanagement aus. Seine Kritik am derzeitigen Versorgungsmanagement sei in vier Säulen verankert: zu wenig, zu wirkungslos, zu kompliziert,  zu telefonisch. Um dem entgegenzuwirken, müsse die Patientenversorgung als strategischer Wettbewerbsvorteil angesehen werden. „Wir sitzen im ‚Auto des Versicherten‘ auf dem Beifahrersitz und helfen ihm, seine Gesundheit zu lenken“, so Pilgrim.

 

Zur Erweiterung des Geschäftsmodells zum Gesundheitsdienstleister äußert sich Dieter Schlegel, Hauptabteilungsleiter des Leistungs- und Gesundheitsmanagements der Versicherungskammer Bayern. „Der Kunde ist der Herr des Verfahrens, die Plattform der elektrische Schreibtisch.“ Demzufolge erweitere der Kostenerstatter die Wertschöpfungskette. Indem die Kundenbereitschaft gesteigert werde, erhöhe sich auch das Weiterempfehlungspotenzial. Ein Blick in die Zukunft zeige viele, neue Arbeitsplätze – wie beispielsweise mehr von so genannten Kundenlotsen, die unter anderem Schwerkranken zur Seite stehen und sich gegebenenfalls um die Verlegung in eine geeignete Reha-Klinik kümmern. Auch Stimmen aus der GKV werden laut, so sagt Christian Klose, Chef Digital Officer, AOK Nordost, dass das Gesundheitsnetzwerk alle system- und sektorübergreifende Leistungsträger verbinden und die Versicherten in den Mittelpunkt bringen. 

 

Es gibt mittlerweile eine Vielzahl an gesundheitsbezogenen Apps. Laut der Aussage von Dr. Urs-Vito Albrecht von der Medizinischen Hochschule Hannover beschreibt, dass sich die neuartigen Technologien in den Alltag mit „einleben“ und die hohe Zahl unter anderem in den niedrigen Markteintrittsbarrieren begründet sind. Kritisch äußert sich Albrecht bezüglich der Qualität: Die Software müsse für den gewünschten Zweck, möglichst sogar darüber hinaus flexibel einsetzbar sein. Zudem solle sie ihre Aufgaben effektiv und effizient erfüllen sowie die Anwender bei der Erreichung ihrer Ziele unterstützen.  Sie müsse risikofrei einsetzbar sein und darüber hinaus Komfort bieten. Alles in allem keine leichten Anforderungen – die letztlich vor allem auch auf das Vertrauen der Nutzer gemünzt sind,  denn „geht das Vertrauen verloren, ist die App tot“.

 

Quelle:  Vincentz Network Berlin


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