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16.07.2018

Erneute Debatte über Behandlungsfehler

Mit schöner Regelmäßigkeit liegt der medizinische Dienst des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen (MDS) den Finger in die Wunde ärztlicher Behandlungsfehler. Zwar ist die Zahl der Behandlungsfehler insgesamt sehr gering und auch 2017 erneut rückläufig, aber jeder Behandlungsfehler ist einer zu viel. Mehr als 13.500 Sachverständigengutachten zu vermuteten Behandlungsfehler hat es 2017 gegeben.


Mehr als 13.500 Sachverständigengutachten zu vermuteten Behandlungsfehler hat es 2017 gegeben. Das sind deutlich weniger als noch im Vorjahr. Der Anteil der festgestellten Fehler, die einen Schaden zur Folge hatten, ist jedoch annährend gleich geblieben und lag bei 3337 Fehlern. Das erscheint nicht viel, sei jedoch trotz viel zu viel, meint Dr. Stefan Gronemeyer, leitender Arzt und stellvertretender Geschäftsführer des MDS. Er erklärte am 5. Juni gegenüber der Presse in Berlin, dass das Ergebnis ernüchternd sei, weil auch nach vielen Jahren immer noch die gleichen Fehler passieren würden. Und zwar auch solche, die nie passieren dürften. So werden immer noch Fälle festgestellt, in denen Operationsgegenstände in den Körpern zurückgegessen werden. Warum ändert sich nichts? „Es fehlt nach wie vor eine klare und konsequente Strategie zur Fehlervermeidung“, sagt Gronemeyer. Eine nationale „Never-Event-Liste“ wäre ein guter und wichtiger Schritt – genauso wie eine Meldepflicht für kritische Ereignisse.

 

Prof. Astrid Zobel, leitende Ärztin des MDK Bayern, stellte die einzelnen Zahlen vor. Die meisten Fälle von vermuteten Behandlungsfehlern betreffen die Fachbereiche Orthopädie und Unfallchirurgie mit 31 Prozent (4.250 Fälle). 13 Prozent (1.746 Fälle) der Fälle entfallen auf Innere Medizin und Allgemeinmedizin, 9 Prozent (1.203 Fälle) auf Allgemeinchirurgie, 8 Prozent (1.150 Fälle) auf Zahnmedizin, ebenfalls 8 Prozent (1.041 Fälle) auf Frauenheilkunde und 5 Prozent (663 Fälle) auf die Pflege. „Eine hohe Zahl an Vorwürfen lässt aber nicht auf eine hohe Zahl an tatsächlichen Behandlungsfehlern schließen und sagt auch nichts über das Risiko in einem Fachgebiet aus“, erklärt Zobel. Am häufigsten bestätigten die MDK-Fachärzte Fehlervorwürfe in der Pflege (49,8 Prozent), gefolgt von der Zahnmedizin (35,2 Prozent) und an dritter Stelle Frauenheilkunde (27 Prozent).

 

Die Kritik der Gutachter lassen sich Deutsche Krankenhausgesellschaft und Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung nicht gefallen. Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Georg Baum, äußerte sich wie folgt zur Statistik des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen: „Wir haben ein Qualitätssicherungssystem im Krankenhaus, das international und im Übrigen auch national seinesgleichen sucht. Jeder Fehler, der entdeckt wird, wird aufgearbeitet und analysiert und soweit möglich Maßnahmen zur zukünftigen Fehlervermeidung umgesetzt. Beispielsweise ist es Pflicht im Krankenhaus, einen Beauftragten für das Risikomanagement zu benennen und ein Fehlermeldesystem vorzuhalten. Die Mitarbeiter können über das Fehlermeldesystem anonym und sanktionsfrei Fehler melden. Diese werden transparent gemacht, um daraus zu lernen. Die rückläufigen Fehlerzahlen zeigen dies deutlich.

 

Die vom MDK vorgelegten Zahlen zu Behandlungsfehlern unterstreichen, dass Behandlungsfehler sehr seltene Ereignisse sind. [...] Deshalb haben die Krankenhäuser in den letzten Jahren verstärkt Fehlervermeidungs- und Risikominimierungsstrategien entwickelt, um in systematischer Form Fehler oder Risiken der Patientenversorgung zu verhindern. Ziel dabei ist es, Fehler durch strukturierte und kontrollierte Abläufe so weit wie möglich auszuschließen. Komponenten sind dabei die Vermeidung von OP-Verwechslungen, die Nutzung von OP-Checklisten, Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen (M&M-Konferenzen) oder die Kennzeichnung von Kommunikationsbarrieren.[...]"

 

Dr. Wolfgang Eßer, Vorsitzender des Vorstandes der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV): „Diese gebetsmühlenartig vorgetragenen Warnungen haben sich in ihrer Wahrnehmung und Wirkung längst verschlissen. In Arzt- und Zahnarztpraxen arbeiten Menschen, denen trotz hoher Qualitätsstandards Fehler unterlaufen können." [...] Dem immensen Behandlungsaufkommen - 93 Millionen Fälle von allgemeinen, konservierenden und chirurgischen Behandlungen, 114 Millionen Behandlungen in allen zahnärztlichen Leistungsbereichen im Jahr 2016 - stehen meist nur wenige vermutete und noch weniger belegte Behandlungsfehler gegenüber, betonte Eßer. „Krankenkassen und Medizinische Dienste sollten daher ihr ausuferndes Berichtswesen kritisch hinterfragen, um das Vertrauen in die Versorgung mit PR-Ritualen und Statistiktricks nicht weiter zu beschädigen. Statt die Heilberufe permanent mit erhobenem Zeigefinger zu belehren, wären die dafür nötigen Ressourcen besser eingesetzt, um das Verhältnis der Kassen zu Patienten, Versicherten und zu den 42.000 Zahnarztpraxen zu verbessern."

 

Quelle: sgp


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