News
und
Wissenswertes

26.02.2018

KBV-Vorstand: Upcoding gibt es nicht

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung erteilt allen Forderungen nach allgemeinen Kodierrichtlinien eine klare Absage. Auch das Problem des vieldiskutierten Upcoding gebe es gar nicht, meinte der KBV-Vorstand am 26. Januar in Berlin.


Kodier-Aktivitäten, die über die ICD-10-Vorgaben des DIMDI hinausgehen würden, müssten Empfehlungscharakter haben, so Dr. Stephan Hofmeister, stellv. Vorstandsvorsitzender der KBV. Weder das individuelle Krankheitsgeschehen eines Patienten noch die Heilkunde eines Arztes könnten mit starren Kodierregeln abgebildet werden. „Es ist vorsichtig formuliert befremdlich, wenn Kassenvertreter an Ärzte mit Vorschlägen zu Kodier-Änderungen herantreten“, so Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV. Dass Krankenkassen hier versuchen würden Einfluss zu nehmen, sei auf Dauer nicht haltbar und hier müsse Abhilfe geschaffen werden. Das Problem sei nicht in den Arztpraxen zu lösen. „Es kann nicht sein, dass die Kassen denken, dass sie sich untereinander Geld stehlen und diese es dann in den Arztpraxen lösen wollen“, so der KBV-Chef.

 

Den Streit um die Finanzverteilung des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs (Morbi-RSA) müsse das Kassenlager unter sich austragen, ohne die Ärzte dabei zum Sündenbock zu machen. Weil nicht jeder der 14.000 Codes einen Zuschlag auslöst, haben die Krankenkassen auch ein monetäres Interesse daran, wie die Kodierungen ihrer Versicherten ausfallen. Dabei sind sie auf die Kodierung in den ärztlichen Praxen angewiesen.

 

Dass Ärzte bei einem Patienten für eine Erkrankung mehrere Codes verwenden, sei völlig normal, so Anna Maria Raskop, Leiterin der Abteilung Medizinische Dokumentation und Kodierung der KBV. Denn: Beim Kodieren müsse die Entwicklung des Krankheitsverlaufs und das Fortschreiten der Krankheiten dokumentiert werden. Zudem müssten neue Patienten erst kennengelernt werden und mit ersten Diagnosen versehen werden. „Kodierrichtlinien können keine absolut identische Kodierung von Patienten herbeiführen“, meint Raskop. Eine weitere Vereinheitlichung der Kodierung setze eine bundeseinheitliche Softwareunterstützung voraus, zum Beispiel über Erweiterung der Zertifizierung der KBV. Und genau das beansprucht die Körperschaft für sich: Neben der Zertifizierung der Quartalsupdates des ICD-10-Katalogs in der Abrechnungssoftware möchte die KBV auch die bundesweite Zertifizierung von Zusatzangeboten Dritter vornehmen, um alle Versuche einer Diagnose- und Kodiersteuerung über die Praxisverwaltungssysteme von vornherein zu unterbinden. Ob Betrugsversuchen damit wirklich dauerhaft der Boden genommen werden kann, bleibt abzuwarten. Gassen führte abschließend zu diesem Punkt aus: „Sie müssen Ihre Diagnose als Arzt in ein ICD-Muster pressen Die Reinschriftdiagnose ist zwischenärztlich in der Regel präziser.“ Bestehende Probleme ließen sich aber entschärfen, wenn eine Einheitlichkeit der Systeme entstehen würde. Hofmeister ergänzte, dass kein Arzt zur Behandlung die Codes brauche. „Die Kodierung braucht es zur Kommunikation – mit den Kassen, zwischen Ärzten, selbst innereuropäisch. Das aktuelle Modell sei die Grenze der Zumutbarkeit. Das System noch komplizierter und komplexer zu machen, frisst die Arbeitszeit in den Praxen auf.“ Weil Menschen unterschiedlich seien, könne es auch keinen Standard in Form eines allgemeinen Algorithmus geben. Gassen wiederum merkte an, dass die „sprechende Medizin in allgemeinen Kodierrichtlinien (AKR) verloren gehen würde“.

 

Kommt es im Morbi-RSA-Kontext zu einer Verschlimmerung der Krankheit, dann gibt es dafür mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds. Ein Beispiel: Wird der dreistellige Code „E14.90 V – Diabetes mellitus, nicht näher bezeichnet ohne Komplikation, nicht entgleist“ zum vierstelligen „E11.90 G – Diabetes mellitus, Typ 2 mit Nierenkomplikationen, nicht entgleist“, dann gibt es mehr Geld für die Kasse des Patienten. Für das Arzt-Patienten-Verhältnis ist dieser Unterschied völlig irrelevant, sind sích diese bei Diagnose und Behandlung einig. „Upcoding im Sinne einer bewussten Schlechterklassifizierung wird es nicht geben. So dusselig kann man eigentlich gar nicht sein“, so KBV-Vize Hofmeister. „Kein Arzt würde dieses Risiko eingehen, weil es strafbar ist. Bei den F-Diagnosen, also bei psychischen Erkrankungen, werden die zum Schutz des Patienten häufig schwammiger formuliert. Das sei nicht schön, aber häufig gängig.“ Patienten würden befürchten, dass sie bei schlechterer Kodierung zum Beispiel nicht verbeamtet werden würden. Bei einer Verbeamtung darf das Krankheitsbild zwar keine Rolle spielen, aber Patienten würden sich sicherer fühlen.

 

Gassen träumt von einem System, das „uns aus der Klartextdiagnose einen Code generieren lässt“. Diese Vorstellung klingt schön – aber was könnte dabei wohl alles schiefgehen?

 

Der Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek), der BKK Dachverband e. V. und der IKK e.V. forderten dagegen erneut, dass CDU/CSU und SPD bei ihren Koalitionsverhandlungen eine Reform des Finanzausgleichs der Krankenkassen, Morbi-RSA auf die Agenda nehmen. Die derzeitige Ausgestaltung des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs (Morbi-RSA) führe zu eklatanten Wettbewerbsverzerrungen, warnen die Kassenverbände. Eine Reform des Morbi-RSA sei daher zwingend notwendig und müsse in der Koalitionsverhandlung von CDU, CSU und SPD berücksichtigt werden. Sollten die Verhandler dies ignorieren, würden faire Wettbewerbsbedingungen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) nicht erreicht. Es könne nicht angehen, dass die Politik sehenden Auges toleriere, dass die AOKen seit Jahren erheblich mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds erhielten, als sie zur Versorgung ihrer Versicherten benötigen, andere Krankenkassen dagegen zu wenig. Diese sogenannte Überdeckung liege mittlerweile bei rund 1,5 Milliarden Euro und lasse sich nicht durch unternehmerisches Handeln der AOK erklären. Dies verschafft der AOK systematisch Wettbewerbsvorteile durch niedrigere Zusatzbeiträge. Koalitionsgespräche, die dieses Thema ausklammern, würden eine der wesentlichen Herausforderungen dieser Wahlperiode verfehlen.

 

Quelle:  sgp


E-Mail Xing Facebook Twitter Linkedin