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26.02.2019

Neue Initiative gegen den Krebs

Von der etwas vorlauten – und natürlich wieder einmal schlagzeilenträchtigen – Ankündigung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der Krebs sei in zehn Jahren besiegt, haben sich führende Wissenschaftler zwar höflich distanziert. Gleichwohl hat die Bundesregierung wichtige Initiativen eingeleitet, um auf diesem Weg weiterzukommen. Konkrete Pläne dazu liegen auf dem Tisch. Von dem öffentlichkeitswirksam angekündigten Sieg über den Krebs ist man allerdings noch ziemlich weit entfernt.


„Andere fliegen zum Mond, wir wollen den Krebs besiegen" - mit diesen Worten erklärte Gesundheitsminister Jens Spahn, was die nun eingeläutete „Nationale Dekade gegen Krebs" zum Ziel hat. Die Bundesministerien für Gesundheit und Forschung haben sich zusammengetan, um die Krebsforschung in den Bereichen Prävention, Früherkennung, Diagnostik und innovative Therapien zu stärken und voranzutreiben. Das ist der Plan für die nächsten zehn Jahre:

 

Der Radioonkologe und Leiter des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg, Prof. Michael Baumann, malt ein düsteres Bild der Zukunft: „Wir werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten einen erheblichen Anstieg der Krebserkrankungen sehen, ein richtigen Tsunami. Bis 2040 etwa wird sich die Zahl der Neuerkrankungen weltweit verdoppeln." In Deutschland erwartet der Experte einen Anstieg um 100.000 Fälle bis 2030 - von aktuell rund eine halbe Million zu dann 600.000. Um diese Entwicklung mittelfristig aufzuhalten und langfristig umzukehren, sei es unumgänglich die transnationale Wissenschaft zu verbessern und zu fördern. „Wir brauchen starke Netzwerke", so Baumann. „Innerhalb der nächsten zehn Jahre werden wir einen großen Schritt nach vorn gehen." Danach müsse an die Erfolge allerdings angeknüpft werden. Nur wenn geschaffene Strukturen nachhaltig genutzt und weiter ausgebaut werden, können die Probleme der Zukunft bewältigt werden. Baumann sagt abschließend: „Wir haben lange auf so ein starkes Signal der Regierung gehofft. Jetzt heißt es loslegen“.


Konkrete Maßnahmen der Initiative sind insbesondere der Ausbau der derzeit zwei Nationalen Zentren für Tumorerkrankungen, die sich in Heidelberg und Dresden befinden. Danach sollen weitere Standorte etabliert werden, bis schließlich acht Hand in Hand arbeiten und Fragen der Prävention, der Versorgung und Innovationen in den Therapien klären. Die Wissenschaftler sollen Grundlagen- und klinische Forschung effektiv verbinden, um neue Erkenntnisse für Patienten verfügbar zu machen. Den Transfer von Forschungsergebnissen in die klinische Praxis möchte das Bundesforschungsministerium unter Leitung von Anja Karliczek dringend beschleunigen: 62 Millionen Euro werden darum für praxisverändernde Studien bereitgestellt.


Dass Innovationen in Deutschland in der Versorgung ankommen, ist Minister Spahn zufolge nicht selbstverständlich. Andere Länder verfahren da anders und er ist stolz darauf, dass Deutschland auch teure Autoimmuntherapien in die Regelversorgung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) aufnimmt. 2017 seien 6,7 Milliarden Euro für onkologische Präparate aufgewendet worden - Tendenz steigend. Wird künftig noch mehr präventiv gearbeitet, könnten dagegen Milliarden an Euro in der späteren Versorgung gespart werden. Daher wollen Spahn und Karliczek künftig vorrangig präventiv arbeiten. Ziel der beiden ist, eine flächendeckende onkologische Versorgung zu gewährleisten und zu verbessern. Dazu sollen noch mehr moderne Früherkennungs- und Behandlungsmethoden zum Einsatz kommen.

 


Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e.V. (BPI) begrüßt die Initiative ausdrücklich. Dazu BPI-Hauptgeschäftsführer Dr. Kai Joachimsen: „Dass Bundesforschungsministerium (BMBF) und Bundesgesundheitsministerium (BMG) ihre Kräfte im Kampf gegen Tumorerkrankungen bündeln, hat eine starke Signalwirkung. Zum Erreichen der Dekaden-Ziele sollte die Initiative auf die Expertise derer zurückgreifen, die maßgebliche Fortschritte in der Behandlung von Krebs vorantreiben: die pharmazeutische Industrie.“


Auch der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) vfa begrüßt die Initiative. „Mit Krebs nimmt sie eine der drängendsten gesundheitlichen Herausforderungen in den Fokus; und sie ist geeignet, den Innovations- und Gesundheitswirtschaftsstandort Deutschland zu stärken“, so Birgit Fischer, vfa-Hauptgeschäftsführerin. Gelängt es, durch noch bessere Verzahnung der Beteiligten Fortschritte in der Entwicklung neuer Medikamente und Impfstoffe, besserer Diagnoseverfahren und effizienterer Behandlung zu erzielen, habe Deutschland die Chance, zu einem weltweiten Leuchtturm für Gesundheitslösungen zu werden, sagte Fischer. Eine verstärkte Vernetzung von Grundlagen- und angewandter Forschung komme daher zur rechten Zeit. Viele neue Erkenntnisse würden derzeit noch gar nicht ausgeschöpft.

 

Neben BMBF, BMG, dkfz und der Deutschen Krebshilfe beteiligen sich am Start der „Nationalen Dekade gegen Krebs“ viele weitere Partner, unter anderem die Felix-Burda-Stiftung, medizinische Fachgesellschaften wie die Deutsche Krebsgesellschaft, Verbände niedergelassener Ärztinnen und Ärzte, der GKV-Spitzenverband, forschende Industrieunternehmen, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte und die Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe. In einem dauerhaften Strategiekreis wird die Initiative nun weiter ausgebaut. Das sind die Mitglieder des Strategiekreises:

 

-  Vorsitz: Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung;

-  Ko-Vorsitz: Prof. Dr. med. Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender und Wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ);

-  Prof. Dr. med. Michael Hallek, Geschäftsführender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO);

-  Prof. em. Wolfgang Hiddemann, bis Ende 2017 langjähriger Direktor der Medizinischen Klinik III am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München;

-  Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT)

-  Dr. Christa Maar, Geschäftsführender Vorstand der Felix Burda Stiftung, Mitglied des Kuratoriums des DKFZ;

-  Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Krebshilfe (DKH);

-  Prof. Dr. med. Olaf Ortmann, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG);

-  Renate Pfeifer, Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung, chronischer Erkrankung und ihren Angehörigen (BAG SELBSTHILFE); Projektleiterin im Förderkreis für krebskranke Kinder und Jugendliche e.V;

-  Dr. Doris Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband);

-  Karin Prien, Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kunst des Landes Schleswig-Holstein;

-  Prof. Dr. med. Wolfgang Knauf, Vorsitzender des Berufsverbands der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (BNHO);

-  Prof. Dr. Julia Carolin Stingl, Vizepräsidentin, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM);

-  Dr. med. Özlem Türeci, Vorstand BioNTech AG;

-  Sabine Weiss, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Gesundheit.

 

Jeder Krebspatient verdient eine Behandlung, die Gesundheitsdaten optimal nutzt. Tino Sorge, Berichterstatter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Digitalisierung und Gesundheitswirtschaft, reagiert auf die zuletzt gegründete Nationale Dekade gegen Krebs. „Sie ist auch ein neuer Impuls für die Digitalisierung der Krebsmedizin. Die Potenziale für die betroffenen Patienten sind hier besonders groß", sagt er. Diese Beispiele zeigen das:

 

 -  Bei der Hautkrebs-Früherkennung können Computerprogramme Bilder verlässlicher auswerten als der Arzt mit bloßem Auge. Algorithmen lernen auf der Grundlage von tausenden Fällen.

-   Bei Genanalysen und pathologischen Tests fallen Daten an, die Schwachstellen an Tumorzellen sichtbar machen können – das kann die Grundlage der richtigen Therapieentscheidung sein.

-   Künftig könnten sogar ganze Behandlungsansätze in digitalen Modellen simuliert und erprobt werden – ohne Risiko für den Patienten. Solche „digitalen Zwillinge“ könnten helfen, vorab die erfolgversprechendsten Therapieoptionen zu identifizieren.

 

Die folgenden sechs Maßnahmen schlägt Sorge vor, um die Digitalisierung für die Krebsmedizin optimal nutzen zu können:

 

„1. Behandelnde Ärzte zur Datennutzung befähigen:

Es muss zur Selbstverständlichkeit werden, dass behandelnde Ärzte im Interesse der Krebspatienten Daten zusammenführen dürfen. Wo Daten Leben retten können, wäre falsch verstandener Datenschutz völlig fehl am Platz.Jeder Krebspatient hat das Recht auf eine Behandlung, die alle verfügbaren medizinischen Daten optimal nutzt. Ich wünsche mir, dass das datengestützte Tumorboard in Deutschland zum Behandlungsstandard wird.


2. Kliniken digital aufrüsten: Länder endlich in die Pflicht nehmen.

Digitalisierung wird für spezialisierte Kliniken nicht ohne zusätzliche Investitionen in IT-Ausstattung zu bewältigen sein. Ich erwarte, dass die Bundesländer ihren Verpflichtungen zur Übernahme von Investitionskosten endlich voll nachkommen. Sollte sich die Verweigerungshaltung einzelner Länder fortsetzen, wird der Bund stärker eingreifen müssen.


3. Elektronische Gesundheitsakte für Krebspatienten nutzbar machen:

Die eGA und die dazugehörigen Strukturen werden wir auf die Erfordernisse von Krebspatienten zuschneiden müssen. Existierende Lösungen wie Databox oder die vernetzte und forschungskompatible Patientenakte der Deutschen Hochschulmedizin zeigen: Dazu müssen wir das Rad nicht neu erfinden .Bei der Bedienbarkeit der eGA müssen die Ansprüche schwerstkranker Chroniker ausschlaggebend sein. Sie müssen parallel mit mehreren Leistungserbringern kommunizieren können, ohne den Überblick zu verlieren. Die Akte wird Erinnerungen und Terminvereinbarungen für Behandlung und Nachsorge bieten müssen. Anbieter müssen in der Lage sein, große Datenmengen sicher zu verarbeiten. Und: Eine elektronische Gesundheitsakte sollte anschlussfähig sein für die medizinische Forschung, beispielsweise mit einer transparenten Zustimmungsoption, bei Studien mitzuwirken.


4. Vorsorge: Einladung digital statt per Massenbrief.

Vorsorge, zum Beispiel bei Brust- oder Darmkrebs, fördert die Früherkennung und trägt seit Jahren dazu bei, dass die Todesraten in Deutschland sinken. Ich erwarte, dass alle in Frage kommenden Personen freundlich, aber bestimmt auf diese freiwillige Möglichkeit der Vorsorgeuntersuchung hingewiesen werden. Nicht per Massenbrief, sondern mit einer individuellen Benachrichtigung, zum Beispiel per App oder Mail der Krankenkasse – und direktem Link zur Terminvereinbarung beim Arzt in der Nähe. Das ist zielgerichteter, personalisierter und günstiger.


5. Leitlinien: Patientengerechte „Übersetzung“ und Digitalisierung

Leitlinien sind für Krebsmediziner Pflichtlektüre. Doch heutzutage leiten sie nicht nur den behandelnden Arzt, sondern immer öfter auch den Patienten und seine Angehörigen durch die Behandlung. Gerade diejenigen Betroffenen, die sich als Laien gezwungenermaßen mit onkologischen Fachthemen beschäftigen müssen, verdienen eine alltagstaugliche „Übersetzung“ von Leitlinien und unkomplizierten Zugang zu entsprechenden Informationsangeboten, eingebettet in die elektronische Gesundheitsakte. So wäre der Patient besser vorbereitet für Gespräche mit Ärzten, Apothekern, Pflegepersonal oder auch der Krankenkasse.


6.  Krebsforschung: nicht an Landesgrenzen scheitern lassen

Forschungsinitiativen, Krebsregister und Biodatenbanken sind heute noch viel zu oft auf Landesebene organisiert. Die Folge sind unnötige Parallelstrukturen und der Umstand, dass länderübergreifende Krebsforschung regelmäßig durch uneinheitliches Landesdatenschutzrecht ausgebremst wird. Das kann sich unsere Spitzenmedizin nicht erlauben. Das wäre ein falsches Verständnis von Föderalismus.“

 

Quellen:  ES, sgp


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